Täglich werden Menschen von Betrügern mit üblen Tricks abgezockt. Außenstehende registrieren da mitunter kopfschüttelnd: Wie konnte der sich so über den Tisch ziehen lassen? Hat er denn nichts gemerkt? Wer nicht in einer solchen Situation steckt, weiß nicht, welche psychischen Mechanismen hier greifen. Erst kürzlich haben Gauner einem Bad Säckinger Senior 11.000 Euro abgeknöpft. Wir haben nun mit einem Fachmann gesprochen: Professor Christoph Bielitz ist Facharzt für Psychiatrie und ärztlicher Direktor des Sigmazentrums in Bad Säckingen, er erklärt wie perfide Gauner vorgehen und warum sie sich ganz bewusst bestimmte Personen aussuchen.

Herr Professor Bielitz, wer ist besonders gefährdet, Opfer von Betrügern zu werden?
„Es sind vielfach ältere Menschen, Demenzkranke, gesundheitlich geschwächte Menschen, Menschen, die nicht selbstkritisch eine Situation reflektieren oder aber keinen Widerstand aufbieten können. Dazu gehören auch psychisch Kranke, Kinder, Menschen mit intellektuellen Schwierigkeiten.“

Warum suchen sich Betrüger hauptsächlich Senioren als Opfer aus?
„Ältere Menschen sind anfälliger hierfür, denn die Kritikfähigkeit lässt oft im Alter nach. Älteren Menschen fällt es oft schwerer, kritische Distanz aufbauen. Sie glauben zuerst einmal immer an das Gute im Menschen.“

Mit welchen Tricks arbeiten Betrüger?
„Sie verwickeln ihre Opfer freundlich in Gespräche und bauen Druck auf, indem sie von einer einmaligen Gelegenheit mit vielen Vorteilen sprechen, was allerdings zeitlich begrenzt sei. Der Betroffene meint, den Fehler seines Lebens zu begehen, wenn er bei diesem günstigen Angebot nicht rechtzeitig zugreift. Dadurch entsteht ein hoher Erwartungsdruck. Betrüger kennen die Phänomene Verführbarkeit und Suggestibilität, also die Empfänglichkeit für Suggestion. Ein Erwachsener, der müde oder körperlich geschwächt ist, lässt sich leichter etwas von einem anderen Menschen suggerieren, also vorschlagen oder sozusagen weismachen. Wenn dann keine Abgrenzung erfolgt, resultieren die erfolgreiche Beeinflussung und ein fremdbestimmtes Denken, Fühlen oder Handeln. Kinder sind noch leichter zu beeinflussen, weil sie alles aufsaugen, wie ein nasser Schwamm.“

 

Ein Polizei-Profiler erklärt die Tricks

Sie bieten unter anderem Hofreinigungen oder Dachrinnensanierungen zu überhöhten Preisen an, geben vor, der Enkel zu sein, bieten Pfusch zu Wuchepreisen an oder geben sich als falsche Polizisten aus. Die Betrüger gehören zu Banden, die meist straff organisiert sind. Beim Landeskriminalamt in Stuttgart beschäftigen sich eigene Ermittlungsgruppen mit den Fällen. Trotz aller Hinweise in den Medien und Präventionsveranstaltungen kommen die Betrüger seit Jahren durch. Wir haben bei Polizeikommissar Jürgen Spill nachgefragt, er ist Profiler beim Referat Prävention und beschäftigt sich mit Fallanalyse.

  1. Wie schaffen es die Täter immer wieder, mit ihren perfiden Betrugsmaschen durchzukommen?
    „Sie machen das durch geschicktes, professionelles Vorgehen und mit Überrumpelungstaktik. Die Opfer kommen nicht groß zum Nachdenken, sie werden förmlich eingelullt. Vertrauen wird aufgebaut, so dass Zweifel oder die normale Skepsis, die jeder Mensch hat, erst gar nicht aufkommen. Wir wissen nicht, ob sie geschult werden. Die Täter sind optisch nicht auffallend, haben ein europäisches Aussehen, sind höflich, bestimmt, clever und redegewandt.“
  2. Warum fallen vor allem ältere Menschen immer wieder darauf herein?
    „Senioren sind meist anders aufgewachsen und erzogen worden, sind oft unbedarfter, gutgläubiger und hilfsbereiter. Und durch das geschickte Vorgehen der Betrüger sind die Senioren, beispielsweise beim Enkeltrick, überzeugt, die Person am Telefon zu kennen, obwohl das Hirn sagt, den kann ich nicht kennen.“
  3. Welche Betrugsfälle zielen hauptsächlich auf ältere Menschen oder Senioren ab?
    „Außer dem Enkeltrick ist es oft auch der falsche Polizist. Er ruft an, fragt die potentiellen Opfer, ob sie wüssten, dass in der Nachbarschaft eingebrochen wurde. Er erzählt, dass die Täter gefasst, bei ihnen ihre Adresse gefunden wurde und somit zu Hause nichts mehr sicher sei. Der angebliche Polizist bietet an, alle Wertgegenstände in Verwahrung zu nehmen. Ein Normalsterblicher kommt auf solche Ideen nicht. Zudem sind auch die Telefonnummern, die auf dem Telefondisplay angezeigt werden, falsch. Sie führen beispielsweise direkt zu einer Dienstelle der Polizei, zeigen die Notrufnummer an oder den ADAC in München. Für Computerspezialisten ist das technisch möglich.“
  4. Warum kommen so viele Betrugsmaschen eigentlich nicht zur Anzeige?
    „Es gibt meistens eine Riesenhemmschwelle bei den Betroffenen. Erst wenn die Täter weg sind, realisieren die Opfer, was eigentlich passiert ist. Das Ganze ist ihnen peinlich, vor allem innerhalb der Familie. Wir raten aber jedem, so etwas bei der Polizei anzuzeigen. Auch selbst dann, wenn jemand nicht auf eine Betrugsmasche hereingefallen ist, sollte er den Vorgang melden und so dazu beitragen, dass die Betrüger vielleicht gefasst werden können. Diese Betrüger sind reisende Täter, die darauf bauen, dass sowohl die Täterbeschreibung, wie auch die Beschreibung des benutzen Fahrzeuges nicht gut genug ist. Fahrzeug sowie Kennzeichen werden gewechselt.“

Artikel vom 13.06.2019, Südkurier >>>

Text: Marion Rank