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Privates Fachklinikum für interdisziplinäre Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin
Home » Sigma Konzept » Der kybernetische Therapieansatz

Was bedeutet das kybernetische Prinzip für die Behandlung?

Das therapeutische Behandlungsmodell basiert auf einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen in fünf Dimensionen des Erlebens, die sich gegenseitig beeinflussen: Im Fokus stehen die Wechselbeziehungen zwischen biologischen und sozialen Bereichen, physikalischem Umfeld, seelischem und geistigem Erleben. Der Begriff „Kybernetik“ kommt aus dem Griechischen und kann als „Kunst des Steuerns“ verstanden werden. Die Behandlungsphilosophie versucht in einer kybernetisch-ökologischen Ganzheitsmedizin, die den organischen und seelischen Aspekten einer Erkrankung ebenso Rechnung trägt wie den Einflüssen der Umwelt, die unterschiedlichen Dimensionen von Körper, Psyche und Umfeldfaktoren in ein Gleichgewicht zu steuern.

Therapeutisch bedeutete das, die erkrankten Menschen durch psychische (psycho-neuro-immunologische) und somatische (senso-motorisch-neuro-psychische) Impulse zu erreichen, die zirkulär wirksam werden:

In psychischer Hinsicht gelingt es z.B. durch Aktivierung von Erinnerung und Erarbeitung stabiler psychogener Konstrukte (neue Sichtweisen, neue Verhaltensmöglichkeiten, Relativierung der Erinnerung etc.). Diese wiederum wirken stabilisierend (psycho-neuro-somatisch) auf vegetative und hormonelle Prozesse ein, diese wiederum auf die Organe bzw. den Zellstoffwechsel.

In somatischer Hinsicht ist dies z.B. durch ökologische Impulse (Aktivierung des Immunsystems z.B. im Reizklima am Meer oder im Gebirge) oder somatische Impulse möglich. Beispiele hierfür sind:

  1. Aktivierung des neuro-senso-motorischen Systems, z.B. bei Akupunktur oder bei Physiotherapie,
  2. Modifizierung neuronaler Überträgersubstanzen in den Synapsen des Gehirns,
  3. Modifizierung der neurohormonellen Wirkungsachse,
  4. Ausgleich des Hormonstoffwechsels.

Anders ausgedrückt werden durch diese Behandlungen synergetische Heilungsprozesse in multimodaler Hinsicht möglich: z.B. psychosozial, neuroimmunologisch und somato-physikalisch. Der Kranke kommt mit sich selbst und mit seinem Umfeld interaktiv in Berührung.

Für Viktor von Weizsäcker, den Begründer der Psychosomatik, war es die somatische Krankheit selbst mit ihrer Symbolik, Bedeutung und dem Zeitpunkt ihres Auftretens, die Berührung mit sich selbst ermöglichen sollte .
Karl Jaspers, Psychiater und Philosoph, betonte in seiner Existenzphilosophie die von Bildern und Vorstellungen geprägte Existenz des Menschen, die ihn widerspiegeln. („Ich sein, Selbst sein und Sinnsuche“).
Bei C. G. Jung, Psychiater und Analytiker, waren es die Symbole und Märchen, die Erinnerungen und Prägungen kollektiver Art zu Tage fördern und zum Ich führen.
Bei Sigmund Freud, Neurologe und Psychoanalytiker, waren es die Konstrukte der Übertragungsphantasien, die den Patienten in Erinnerung und Gegenwart ordnen und heilen.
Für den Biophysiker H. v. Foerster waren es die von Erkenntnis geprägten Konstrukte des Menschen, die seine ihn tragende Wirklichkeit ermöglichen.
Für den Arzt und Chirurgen Hans Kilian war es der durch Gott geprägte Glaube von Arzt und Patient an die Heilung -und damit die von (auto)suggestiven Vorstellungen geprägte psycho-neuro-somatische Stärkung des Immunsystems.

Jede medizinische Behandlung bietet also eine Möglichkeit, über somatische Symptome, psychische Konflikte, besonders aber über verinnerlichte Symbole, Bilder und Vorstellungen einen erkrankten Menschen mit sich selbst heilsam in Berührung zu bringen. Wenn auf diese Weise verinnerlichte Bilder, d.h. Symbole, Prägungen, Erfahrungen oder Konfliktmuster eines Menschen mit Sorgfalt und analytischem Vermögen in einer Behandlung herausgearbeitet werden, setzt dies nach heutigem Wissen eine kybernetische bzw. synergetische Interaktion voraus [siehe auch H. Haken, H. Schiepek]. In dieser findet alles, was im Patienten selbst, zwischen ihm, dem Therapeuten und seinem Umfeld geschieht, Berücksichtigung.

Diese Behandlungen stützen sich auf Information, Rückkopplung und Selbstregulation als zentrales Konzept. Im Sinne Niklas Luhmanns geht Rückkopplung sich selbst regulierender und sich selbst reproduzierbarer Prozesse aber nicht ohne Sinn. [Luhmann: „soziale und psychische Systeme operieren mit Sinn“]. Dies bedeutet, dass eine Therapie ohne Sinn nicht wirken kann. Eine Sinnhaftigkeit ist gegeben, wenn der Patient in einer Behandlung versteht, warum er sich anvertrauen sollte, der Behandler bereit ist, ihn entsprechend ernsthaft zu würdigen.

In einem weiteren Behandlungsprozess ist der Patient dann bereit, etwas in seinem Leben wohlwollend in Frage stellen zu lassen, der Therapeut bereit, ihn im therapeutischen Sinne durch Spiegelung, Verhaltensanalyse, andere Sichtweisen aus neuen psychologischen und psychiatrischen Erkenntnissen und gesellschaftlichen Erfahrungen gewissermaßen zu provozieren, um synergetische bzw. selbstregulierende Prozesse in Gang zu setzen.

Diese gelingen durch sich ändernde Rückkopplungen (Feedback-Prinzip). Auf eine sogenannte therapeutische Irritation oder Spiegelung hin reagiert der Patient anders als gewohnt, dieses Verhalten bewirkt ein anderes seines Umfeldes, dieses wiederum bestätigt oder korrigiert ihn usw. „Interaktive Therapien“ korrigieren somit auch selbstregulativ.

In diesen ‚prozessgeprägten‘ Behandlungen lässt man es trotz gelegentlicher minimaler ‚Störung‘ des zirkulären Ablaufes deshalb ‚fließen‘. Man lässt Verhalten, Handlungen, Assoziationen, Einfälle und Phantasien des Patienten zu, man „geht mit“. So findet man mit und ohne Hilfe einer affektregulierenden Medikation je nach Erkrankungsform dessen ‚Ich‘ bzw. ‚Selbst‘, um das es in einer psychotherapeutisch geprägten Akutmedizin geht. Denn wer mit sich stimmig ist, gesundet eher, als ein von Therapie-Modulen, Analysen und Strategien bestimmter Kranker, der nach einer Behandlung viel weiß, nur nicht, wer er selbst ist.

 

LITERATUR:

  • Burrer, Erich W.: Die Kybernetik in der Psychologischen Medizin; Einführungsreferat anlässlich des 71. Psychotherapie-Seminars Freudenstadt (2012)
  • Foerster, H. v.: Sicht und Einsicht: Versuche zu einer operativen Erkenntnistheorie. Braunschweig (1985, Neuauflage: Heidelberg 1999)
  • Foerster, H. v., Pörksen, B.: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Heidelberg 1998 (2008)
  • Freud, S.: Zur Dynamik der Übertragung. In: Behandlungstechnische Schriften. Frankfurt a.M.: Fischer (2000, 3. Aufl.).
  • Haken, H. ,Schiepek G.: Synergetik in der Psychologie (2005)
  • Iacoboni, M.: Woher wir wissen, was andere denken und fühlen: Spiegelneuronen (2011)
  • Jaspers, K.: Existenzphilosophie (2010)
  • Jung, C. G.: Der Mensch und seine Symbole (1913 und 1968)
  • Kilian, H.: Hinter uns steht nur der Herrgott – ein Chirurg erinnert sich (1963)
  • Luhmann, N.: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt am Main 1984, neue Auflage (2001)
  • Miller, L. K.: Principles of Everyday Behavior Analysis. Pacific Grove: Brooks/Cole Publishing (1997)
  • Mentzos, S.: Neurotische Konfliktverarbeitung; Einführung in die psychoanalytische Neurosenlehre unter Berücksichtigung neuerer Perspektiven (Geist und Psyche. Bd. 42239). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt a.M.(1992)
  • Popper, K.: Alles Leben ist Problemlösen (1984)
  • Roth, W.: C. G. Jung verstehen. Grundlagen der Analytischen Psychologie. Patmos, Düsseldorf (2009)
  • Schiepek, G.: Die Grundlagen der Systemischen Therapie, Vandenhoeck & Ruprecht (1999)
  • Weizsäcker, V.v: Gesammelte Schriften (1986–2005)
  • Weizsäcker, V.v.: Warum wird man krank? Ein Lesebuch (2008)
  • Zaboura, N.: Das empathische Gehirn. Spiegelneurone als Grundlage menschlicher Kommunikation (2008)