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Kreatives Schreiben

Therapieangebot im Sigma-Zentrum

Leider kann die Schreibwerkstatt aktuellnicht stattfinden, wir möchten Ihnen das therapeutische Potenzial dieser aber nicht vorenthalten.

Wie die Gesprächstherapie bedient sich die therapeutische Schreibwerkstatt der Wörter. Hier sind die Wörter dazu eingeladen im ungerichteten Denken zu bleiben. Nichts muss Sinn machen, die Texte müssen vordergründig nicht verstehbar sein oder ‚stimmen‘, ähnlich wie in der Kunsttherapie finden in der therapeutischen Schreibwerkstatt, mittels Metaphern und Analogien, Bilder Einzug in die Gruppensitzung und erlauben einen unterbewussten, intuitiven Zugang zur inneren und äußeren Welt. In den Sitzungen wird in der Schreibphase produktiv und in der Vorlese-/Reflexionsphase rezeptiv gearbeitet. Texte von Teilnehmenden werden forschend, explorierend und wertschätzend betrachtet. Kann der Autor eigene Spuren und Themen im Text entdecken? Wozu und für wen soll dieser Text dienen? Wie reagiere ich als Leser auf den Text? Wie fühlt sich der Text an? Löst er Impulse im Autor, oder im Zuhörer aus? Für wen ist ein Text bestimmt? Was gibt es für Stimmen im Text? Wie erzählt er? Wie ist das, gehört zu werden? Im Rahmen einer kontinuierlichen und halboffenen Gruppe wird der Umgang mit fremden und eigenen Texten realisiert und reflektiert. Kreatives Schreiben wird im Einzel und Gruppensetting angeboten.

M.A. Johanna Müller
Kunsttherapeutin

Fazit einer Patientin
„Mit dem Schreiben habe ich schon vor längerer Zeit begonnen. Damals motivierte es mich, Erlebnisse des Alltags und auch meine extremen Zustände auszudrücken. Schon damals entlastete mich diese Form. Dazu kommt die Freude am Umgang mit der Sprache. Das Schreiben half mir auch Distanz zu meiner Befindlichkeit einzunehmen. Seit der Teilnahme an der Therapie, die Frau Müller hier im Sigma-Zentrum anbietet, veränderte sich mein Schreiben: Ich lernte im Abstrakten und surrealer Einbindung meiner Phantasie eine unbeschränkte Freiheit kennen. Nichts ist in der Literatur unmöglich, alles kann erlebt werden. Die Begegnung in der Gruppe und die therapeutische Begleitung fördert dann im nächsten Schritt die Entwicklung und Aufarbeitung belastender Momente. Das ist für mich derzeit mein Fazit. Mal sehen, wie es weitergeht.“
Ilona A. Häring

Folgender Text ist in einer Sitzung kreativen Schreibens entstanden:
Etwas mit krausem Fell, netten Augen und nasser Zunge begegnet Ihnen. Es guckt freundlich, sieht aber sehr sonderbar aus. Was tun Sie? Etwas mit krausem Fell, netten Augen und nasser Zunge steht plötzlich vor mir auf dem Waldweg. Wir erschrecken beide und schauen uns in die vier Augen. Bist du ein Tier? Wahrscheinlich, aber so etwas wie dich habe ich noch nie gesehen, sagen wir. Was muss es von mir denken? denke ich. Glatte Haare, grüne Augen und hoch bis in den Himmel wehe ich hin und
wieder. Sonderbar finden wir uns. Ich setze mich auf den weichen Boden. Tausende Ameisen, Spinnen, Käferchen, Würmchen, Larven sind empört darüber. Das Tier (oder so) steht auf vier Beinen, streckt jetzt den Hals und wagt sich Schritt für Schritt näher. Du bist schön, sage ich. Du bist so wohltuend, sage ich. Das sonderbare Lebewesen kommt langsam, langsam näher. Ich spüre die Nähe immer mehr. Je näher es kommt, desto kleiner wird es. Die Nähe rührt mich. Bin ich doch nicht so abschreckend und empörend? Tränen brechen sich Bahn und rinnen über meine Wangen. Das kleine Lebewesen ist jetzt winzig klein. Es passt in meine Hand und es brummelt zufrieden und beruhigend. Seine nasse Zunge fängt meine tropfenden Tränen auf. Jede davon verwandelt sich: sie wird silbern, sie scheint und glitzert und sie klingt in einem wunderschönen Ton. Mein kleines Wesen leckt mit seiner nassen Zunge über meinen Daumen und ich schließe vorsichtig meine Hand. Der Wald hat sprachlos und still den Atem angehalten und zugeschaut, aber jetzt plötzlich singen alle Vögel, brummen die Bienen, knabbert das Reh, mümmelt das Häschen. Meine Tränen laufen und alle freuen sich.
Ilona A. Häring

Johanna Müller